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AMSELTAGE.
Zentrum
Ein kleiner Fluss zieht um die Pflastersteine und spiegelt ein bißchen Licht. Über ihm das Hotel,
jahrhunderte alt, mit verstaubten gelben Augen. Am Eck Herrenkonfektion: zwei
spärlich beleuchtete Krawatten, Hut, Anzug. Gegenüber hält der Kiosk stumm das
Neonschildchen vor sich hin, auf dem sein Name steht: K i o s k . Drüben das kleine Cafe;
das Wort Milchbar hat man immer wieder überstrichen, aber es ist noch zu lesen. Schließt
erst, wenn der letzte Gast gegangen ist. Hier ist das Zentrum: Stadtmitte im Städchen, dass
sich mitten in die Enge des Herzschmerzgebirges duckt. Nur ein paar Augenblicke bis die
Strasse im Dunkel davonschleicht.
Dort im Rücken der Häuserzeilen quält sich jede Nacht eine hell erleuchtete Schlange die
schwarzen Hügel hinauf . Folgt brav ihrem Lichtkegel und verblasst erst, wenn die
Fabriksirenen das Tal aus dem Schlaf brüllen. Dann schwenken die Kumpel ihre
Henkelmänner und verschwinden schweigend unter den Halden: aus der Nacht in die Nacht.
Aber hier oben hörst du nur die ewige Brandung des Waldes. Kilometerentfernt nimmt dich
die Schlange mit, bis dir die Augen zufalln. Unter dem Kopfkissen die Ahnung von einem
Loch im Himmel und das Fluchen eines Bergarbeiters in dreißig Metern Tiefe. Vielleicht hörst
du noch die Amsel. Nachts macht sie das einsamste Geräusch der Welt.
Nordwest
Als du das erste Mal in die Welt fliehen wolltest, haben sie dich an der Bahnschranke wieder
eingefangen. Süden war also die falsche Richtung. Da hingen die Kopfgeldjäger in den
Strassengräben und warteten nur auf einen wie dich.
An einem Sonntagnachmittag weht der Wind eine Melodie herüber und dreht die
Kompassnadel nach Nordwest: ein Loch im Himmel. Hoch über den millimetergroßen
schwarzen Tannen, wo tagelang die Nebel hängen. Man kann es mit blosem Auge erkennen,
wenn man man weiß, wo es ist. Dunkler und doch strahlender als das übrige Blau ringsum.
Verspricht, dass die Bäume flüstern und der Wind sanft auf der Haut landet. Verspricht,
dass die Sonne warm hält und der Mond dir heim leuchtet. Verspricht das Blaue vom
Himmel. Da willst du durchfahrn und landen im Zimmer mit hunderten Himmelsspiegeln und
hunderten Realitäten. Stell dir vor, du siehst in den Spiegel. Du bist eine Amsel.
Alberts Garten
Das grüne Auge des Radiogeräts blinzelt. Radio - unerreichbar nah. Die alten Röhren werfen
Gestreiftes durch die Radiorückwand in die Zimmerecke. Leuchtende Buchstaben in einem
offenen Buch, in dem Menschen leben. Neugierig blätterst du um, springst hinein und hoffst,
dass jemand die Buchdeckel zuschlägt. Tut aber niemand.
Die Amsel flattert wieder nach
draussen, wo die Märchenfee aus einer gewünschten Nacht die Wäsche aufhängt. Wenn sie
die Klammern in die Höhe reckt, sieht jeder, dass sie die schönsten Beine der Stadt hat.
Wenn du noch länger hinsiehst, kommst du hier nicht weg, bis du mit ihr auf dem Rücken
liegst und Grashalme kaust. Hoch oben surren die Telegraphenleitungen und Wolken bauen
Figuren. Kein Loch im Himmel zu sehn, noch nicht mal daran zu denken, jetzt, wo man den
Himmel mit den schönsten Beinen der Stadt auf der Erde hat. So schnell landet die
Sehnsucht..
Auf der Terrasse, unter den Zweigen der Weinranke hockt der Gartenzwerg auf der
schneebedeckten Gartenbank mit dem gußeisernen Rahmen, immer wieder weiß
drübergestrichen, bis der fettgewordene Lack bröselt. Der Himmel macht unter Eiswolken
Gefangene. Jemand sagt: Schau, da is' ein Loch im Himmel, es wird wieder schön… Die
Amsel hält den Kopf schief und nickt: Ja, ich kann's auch sehn.
Tanztreffpunkt
Wenn Großmutter über den Küchenboden ihre Pflicht läuft, vibrieren die Zeiger der
Haushaltswaage oben auf dem Schrank. Pingping, pingping. Dieser Küchenschrank birgt
Schätze. Ein Würfelspiel mit kleinen Bergmannsfiguren, bei dem der gewinnt, der zuerst im
Schacht ist. Man kann sich natürlich auch rausschmeissen lassen, verschüttet werden, an
Staublunge krepieren oder so tief gehen bis der Geigerzähler explodiert. Mensch, ärgere
dich ! Oder Großvaters goldene Taschenuhr, die nicht aus Gold ist. Das Prunkstück ist der
kleine eiserne Adler, der sich an eine erbsengroße Kugel krallt. Ein hübsches Andenken aus
dem Ersten Weltkrieg, als diese Kugel in Großvaters linkes Bein pfiff. Dafür bekam er eine
Belobigung für Tapferkeit, eben dieses kleine Souvenir und die Fähigkeit, nie wieder Fußball
spielen zu können. Heute muß er nicht weit gehen, um im Gambrinus um die Ecke, wo sich
gierig die Flaschenhälse recken, einen zu nehmen.
Aus dem Kneipenfenster hat man den bevorzugten Blick auf die Eisenbahnzüge, die hier
ständig vorbeidonnern. Man kennt sie alle. Das ist der nach sowieso, das ist der aus
irgendwo, der 16 Uhr fünfer ist heute wieder mal zu spät….und wenn so eine alte Dampflock
vobeikommt, dann lohnt es sich, auf der nahen Brücke zu stehn, den Kopf über die
Brüstung zu halten und ihn erst in allerletzter Sekunde vor dem heraufzischenden Dampf
zurückzuziehen.
Nur eine Querstrasse weiter ist diese Stelle, von der aus man das obere schmale Fenster
sehen kann, unter dem die Bühne arbeitet. Und wenn niemand sonst hier vorbeitrampelt,
kann man jedes Wort verstehn, jeden Ton hörn. Es ist keine einfache Bretterbühne, es ist in
Wirklichkeit ein Floß, das dich aufs Meer bringt. Starkgezimmert mit Segeln aus Musik.
Davor, von hölzernen Pfeilern umrahmt, die Insel der Tänzer. Bald ist wieder Windstille.
Warten. Wiederkommen. Aufs Floß steigen, wenn der Frühling den Fluss wieder freisprengt.
Amsel, leih mir dein Geflügel.
Bei Tchibo
Ständig schmuggeln hastige Leute unter ihren Sohlen kleine Schmutzpfützen in den
Laden. Kälte kriecht in die durchnässten Füße. Auf dem Stehtisch die vierte Tasse Kaffee
. Hinter den Glasscheiben matscht das Weihnachtsgeschäft.
"Kalifornien, da kommste nie hin, sagt der gegenüber, hab' hier noch nie einen getroffen,
der in irgendein Flugzeug gestiegen wäre. Noch nicht mal in' Zug. Ich weiß das, ich steh'
schon sein sechs Jahren hier. Täglich, außer Sonn-und Feiertags, ich kenn' jeden, wär mir
aufgefallen, wenn…
Jemand antwortete, er hätte nur das Fenster geöffnet und etwas gesehn. Weit weg.
Kalifornien, da kommste nie hin, sagt nochmal der, der alles weiß, nimm's nich' persönlich,
haste ´ne Zigarette ?
Nimm's nich' persönlich, wie denn? Offiziell ? Redest du mit mir ? Außerdem rauche ich nicht...
Kalifornien fällt jedem einmal ein, der oft genug mit durchnässten Füßen den Bus verpasst
oder nach der Flasche Korn unter der Werkbank gelangt hat. An Bushaltestellen und in
Werkshallen, da kommen Träume auf die Welt. Für jeden einer: Hi,honey, sagt ein
Hollywoodgrinsen über einhundert Kilo schwarzem Lebendgewicht, it's Appartment 33 and
here's the key ! Hinter der Ocean Avenue brechen Planktonwellen in die helle
Mondscheibe.Auf zwölf Quadratmetern warten Fernseher, Matratze, Sandwiches,
Erdnußbutter und eine Flasche Jack. Die Basis. Von hier aus kann es weitergehn: im
Sonnenschein die Zirkuspferdchen suchen und solange die Himmelsfarbe anbeten bis dir in
so einem perfekten Moment irgendein Penner das Zauberwort "Haste'n bißchen Kleingeld ?!!"
mitten ins Gesicht spuckt. So sterben Romantiker immer. An Rotz.
Die durchnässten Füße rufen ein Taxi und in der Werkshalle greift man nochmal an.
Am 24.Juli 1999 steigt ein Passagier in in die 10.55 Uhr Maschine nach Los Angeles.
Ankunft Los Angels Airport, Ortszeit 15.20 Uhr. Ein Taxi highwayt nach Santa Monica. Dort
angekommen, setzt er sich Kopfhörer auf und sitzt genau 33 Minuten und 56 Sekunden
(solange dauert die Langspielplatte Surf's Up von den Beach Boys) am Strand. Anschließend
erwischt er gerade noch den Flug zurück nach Köln und landet Ortszeit 15.20 Uhr.
In Köln herrschen an diesem Tag 12 Grad unter Null und das erste, was er erkennt, sind
die schwarzen Schatten im Schneegeäst. Im Winter sitzen die Amseln am liebsten auf
Bäumen mit niedrigen Ästen.
Bahnhof Geltendorf
Der Zug legt sich in die Kurve. Bäume, Häuser rasen windschief vorbei. Dann der Blick frei
in eine gehauchte Welt. Endstation. Alles seltsam still, verschlafen. Nur eine Krähenstimme
kratzt hoch in der blassen Wintersonne. Jesus mit Sonnenbrille und Alice aus dem
Wunderland, verkleidet als Fahrgäste, huschen aus dem Abteil. Die Tür zischt hinter ihnen
ins Schloss. Aus dem Bahnhofslautsprecher krächzt ein Rabe Worte, die keiner verstehen
soll. Ein umgeleiteter Intercity senkt den Kopf, stürzt auf Gleis 4 nach vorn und hinterlässt
einen kleinen Wirbelwind. Mittendrin erscheint sie mit wehenden Haaren: "Es wird kälter, du
wirst älter , also versuch' Wurzeln zu schlagen in der hartgefrorenen Erde." Morgens legt sie
gern die knisternde Platte von Depeche Mode auf und liest die Werbebeilagen der
Zeitungen. Würde am liebsten alles kaufen. Ihre Haut riecht immer nach den
Parfumpröbchen der Illustrierten. Kommst du ihr nahe, fühlst du dich wie ein Störenfried,
wie ein Stinker in der heilen bunten Wolke. Wenn sie irgendwann mal weg ist, wirst du die
Bettwäsche wochenlang nicht wechseln. Erinnerung riechen. Aber noch sind die süßen
schweren Explosionen zu fühlen. Keine Fragen, keine Antworten, kein Denken, keine
Aufregung, nur Erregung. Tu mir die Liebe. Sex ist eine harte Währung, sagt Mister
Partymachine, der Herausgeber des erotischen Jahreskalenders und zeigt zwölf an den
Strand drapierte nackte Monats-Frauen; sehen aus wie erschossen.
Das Herz ist ein dunkler Wald und der Mond darüber nur ein Luftballon. Warten auf den
nächsten Vollmond, denn in solchen Nächten trennen sich immer zwei und zwei finden sich.
Einmal schon hat sie dich beim Träumen erwischt und sie war nicht drin. Cindy Richardson
war drin, wie sie plötzlich vor der Tür des kleinen Motels stand. Hinter dem Rücken ein
hübsch verpacktes Pokerblatt als Geschenk zum Neuen Jahr. Auf den Kartenrückseiten eine
Abbildung des Shakespearean Festival in Ashland. Sie liebte Shakespeare und für ein paar
Tage auch dich. Sie schließt die Augen und rollt sich auf die Seite. Amseln schlafen nie auf
dem Rücken.
Bei Susi´s
Der Sonntagmorgen bläst dich mit ein paar Zeitungfetzen vor die Tür von Susi's
Stehausschank. Auf dem Brocken im Harz hats dreihundert Nebeltage im Jahr. Drinnen bei
Susi's auch. Hier wehn die Winde der Vernunft eiskalt von Achtern. Man spricht über
Zierleisten in Klavierlackoptik, den Preis von kiloweise argentinischem Rind und das Furukel
vom einzig wahren Jakob. Am Ecktisch träumen zwei Napfkuchen von erster Sahne. Haben
sich Näschen gezogen und überfallen gerade den Planeten mit Schwarz-Weiss Konfetti. Und
Rudi: wenn der mit dem Fahrrad zur Schicht fährt, treten die Chausseebäume ehrfuchtsvoll
einen Schritt zurück. Denn Rudi ist der Einzige, der sich mit der Hand in der Manteltasche
hoch zu Roß seine Morgenzigarette drehen kann.
Susi's Stehausschank - hier rufen sich die Gerechten Wahrheiten in die Schlitzohren. Alle
gedopt. Leisetreter, aber immer die Herrenfresse auf und große Buchstaben reden. Wenn
sich hierhin einmal eine Frau verirrt, ist sie verloren. Jedes Gänschen, dass sich nicht vor
tiefschwarzem Männerwitz und angeschlossener sexueller Notdurft retten kann, ist
willkommen. Der gibt man doch glatt einen aus ! Stiert auf die Titten, bis die Halsschlagader
auf der Stirn erscheint.
Manchmal schwebt Carmen herein, die Schutzpatronin aller unmöglichen Träume, und spielt
Schifferklavier. Die einzige Amsel hier. Respekt.
Wiener Gasse
Charly, die lebende Musikbox ist wieder da ! Mit dem Stiefel haut er die Pauke, vor dem
Gesicht Mundharmonika und Kazoo, die Hände bedienen das Banjo, die Ellenbogen
Tambourine und ein meckerndes Becken. Auf Wunsch spielt er alles; das Leben ist ein
Wunschkonzert. Kostet nur ein paar Münzen. Charly, der Reisemensch, ist schon weit in der
Welt heruntergekommen. Stand schon an Strassenecken in London, Paris, Mailand und
Itzehoe. Spielt, bis die Lichter im Ball der Einsamen Herzen angehn, die ersten Besucher
über's Pflaster stöckeln und im Vorbeigeh'n mit Pennies werfen. Drinnen sitzen sie an den
Tischtelefonen und schwatzen: "…naaa, im vierten Bezirk hat der g'wohnt. Is' im Jänner
nach Bukarest g'fahrn und hat sich auf'd Strass'n g'legt, wollt nimmer leb'n. Wollt' einfach
nimmer leb'n…" Unterdücktes Kichern. Am Nebentisch die Erleuchtung: "…weil die Menschen
eben nur Tiere essen, die besonders blöd sind. Tiere, die sich nicht organisieren können und
zu blöd zum Weglaufen sind. Warum gibt es auf Speisekarten keine Leoparden oder
Bussarde ?"
An einem unbesetzten Tisch klingelt das Telefon. Niemand geht ran. Keine Amsel in Sicht.
Charly, die lebende Musikbox, ist längst weiter gezogen und man hat nie wieder einen Ton
von ihm gehört. Nicht hier.
Zeebrugge
Schwerfällig liegt ein riesiger Tanker im Novembermeer. Wiegenlied vor schwefelgelbem
Hintergrund. Hier oben in der fünften Etage zieht es bitterkalt durch die Fensterrahmen. In
dieser Jahreszeit spenden nur Kaffeemaschinen Trost und Wärme. An der Wand hängt eine
Kaufhauskopie von Kandinski; verkehrt herum. (kurze Szene auf dem Hotel-Korridor: Äh,
entschuldigen sie, das Bild in meinem Zimmer, also das, äh, naja, es hängt verkehrt herum.
Wissen Sie, es steht auf dem Kopf. Antwort: Ups. Sonst alles ok ? Wir haben heute ab 19
Uhr Happy Hour im Restaurant. Kommen Sie vorbei, es lohnt sich…(Abgang.)
Seit 33 Minuten und 56 Sekunden sitzt ein blauer Wintermantel da unten im wehenden
Sand. Unbeweglich, wie erfroren. Lauschend. Am Containerhafen schwenken die Windräder
die Arme und setzen Positionslichter.
Es ist ein besonderer Moment, wenn Hotels und Saisonläden im Halbdunkel noch
verlassener und leerer wirken. Eine Alle-Guten-Geisterstadt. Der blaue Wintermantel vom
Strand ist verschwunden. Hat eilig den letzten Zug bestiegen, der ihn wieder zurück in sein
Einmachglas bringt. Die Brandung flüstert und selbst die Möwen tuscheln jetzt nur noch
leise. Warum wohnen am Meer eigentlich keine Amseln ?
Der Kellner zieht die Gardinen zurück: Happy Hour !
Gravesend
Ein schwarzer Vollbart kreuzt die Arme und lässt den Klagegesang der Highländer die
Strasse hinunterwehn. Der Milchmann stellt vier kleine Flaschen vor die Tür und flieht vor
dem Hund. Wie immer. Die Docks am Fluß sind die Heimat der Arbeitslosen (da war dieser
Typ, der jeden Morgen drei Mal so laut er konnte Fuck ! in die Brandung geschrien hat;
danach hat er sich für den Rest des Tages völlig entspannt hinter sein Bierglas gehockt.) Die
Eckkneipe mit der ewig spielenden Wurlitzer immer voll besetzt.
Als am Spätnachmittag das erste Frühlingsgewitter heraufzieht, die Himmelstinte rührt und
die Katze ängstlich an den Hund drückt, sind sie plötzlich da. Starten ihre 15 Minuten Show:
Am Horizont galoppieren Cocktailschirmchen in blitzenden Farben. Mit einem scheppernden
Schlag prasseln die Geschosse der himmlischen Marine aufs Dach, prallen zurück und und
lieben sich auf den Fensterscheiben. Ein Stück Himmel schwenkt schwarze Fahnen und die
Flusskönigin erscheint. Spuckt ihre Verachtung in die Vorgärten, bis die Margeriten ängstlich
unter den Blättern verschwinden. Zu ihren Füßen die blindwütigen Windgeister. Jagen einen
verirrten Sonnenstrahl die Strasse hinunter, ändern ruckhaft die Richtung und rennen sich
die Köpfe an der Tür ein. Käpt'n Fred und seine Luftstrombrigade schütten Weihwasser.
Eisschollen fliegen auf einem zitternden Fluss vorbei und zerspringen kreischend über den
Dächern. Der Königliche Cricketverein mit weißen Westen versucht zu vermitteln und ein
Streichquartett auf Wolkenfüßen spielt Brahms dazu. Dirigiert von Bruder Abendwind, der
die Tänzerinnen zum Schlußakkord auf die Bühne holt und die Hinterbacken bläht. Ein
kurzer Aufschrei der Flusskönigin und alles läuft rückwärts, bis der Wind diese Melodie
herüberweht und die Kompassnadel nach Nordwest dreht: ein Loch im Himmel. Hoch über
den millimetergroßen schwarzen Tannen, wo tagelang die Nebel hängen. Man kann es mit
blosem Auge erkennen, wenn man weiß, wo es ist. Dunkler und doch strahlender als das
übrige Blau ringsum. Verspricht, dass die Bäume flüstern und der Wind sanft auf der Haut
landet. Verspricht, dass die Sonne warm hält und der Mond dir heim leuchtet. Verspricht das
Blaue vom Himmel. Da willst du durchfahrn und landen im Zimmer mit hunderten
Himmelsspiegeln und hunderten Realitäten.
Hol die Milch rein, Zeit für eine Tasse Tee. Die Margeriten blinzeln wieder. In der Wurlitzer
singt Elvis. Auch Zeit für dich zu gehen. Die Amsel, die Regenbringerin, nimmst du mit. Sie
singt wie immer.
© 2007 Henk Flemming
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